Ein Stasi-Opfer diskutiert 30 Jahre nach seiner Haft wegen „Republikflucht“ mit Schülerinnen und Schülern der Abiturklasse des Beruflichen Gymnasiums

Der Geschichtsunterricht für die Abiturklasse des Beruflichen Gymnasiums der Hochtaunusschule Oberursel begann im neuen Jahr gleich mit einem besonderen Höhepunkt: Die Klasse 13BG hatte einen Zeitzeugen zu Gast, der als junger Mann die Endphase der DDR in einem Stasi-Gefängnis erleben musste.

Zeitzeugengespräche mit Schülern sind ein unverzichtbares und unersetzliches Moment eines modernen, schülerorientierten und lebendigen Geschichtsunterrichtes, zumal wenn es um Zeitgeschichte geht und wir noch Menschen haben, die aus erster Hand berichten können, „wie es gewesen ist“. Dies berührt und packt Schülerinnen und Schüler viel mehr als Schulbuchtexte oder Lehrerweisheiten aus zweiter Hand dies vermögen. Und da dies so ist und wenige Wochen vorher die deutsche Teilung seit 1949, der Kalte Krieg, die Entspannungspolitik und die Wiedervereinigung im Unterricht durchgenommen wurden, lag es nahe, Zeitzeugen zur Geschichte der früheren DDR einzuladen, deren Ende sich in diesem Jahr zum dreißigsten Mal jährt.

Mike Mutterlose damals (1988). Quelle: Homepage des Zeitzeugenbüros

 

 

Und da passte es ganz wunderbar, dass die Deutsche Gesellschaft e.V. in Berlin, die sich unter dem Motto "Erinnerung ist Zukunft" die Organisation von DDR-Zeitzeugengesprächen an Schulen zur Aufgabe gemacht hat, mit einem entsprechenden Angebot an die HTS herantrat. Das Projekt wird vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat gefördert. So fand am Vormittag des 21. Januar 2020 ein vierstündiges Seminar mit der Klasse 13 BG statt, dessen erster Teil aus einem interaktiven Einführungsvortrag in die Geschichte der DDR und des Kalten Krieges bestand, den Herr Vincent Regente von der Deutschen Gesellschaft e.V. hielt und welcher der inhaltlichen Orientierung und Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler diente. Im zweiten Teil fand dann das eigentliche Zeitzeugengespräch mit Herrn Mike Mutterlose statt.

Mike Mutterlose, Jahrgang 1968, hat in den späten 1980er Jahren in dem Alter, in dem auch unsere heutigen Abiturienten sind, 11 Monate in einem Stasi-Gefängnis zubringen müssen, unter erschwerten Bedingungen, in Isolationshaft in einer fensterlosen Zelle ohne Tageslicht, stundenlange Verhöre, Drohungen, Erpressungen, kurzum psychische Folter. Und warum? Weil er vielleicht jemanden umgebracht hat? Oder einen Raub oder ein sonstiges schweres Verbrechen begangen hätte? Nein! Sein einziges „Vergehen“ bestand darin, vom Osten Deutschlands in den Westen zu wollen: Im Honecker-Staat aber war das „Republikflucht“ und damit ein schwerwiegender Straftatbestand, der mit jahrelanger Haft geahndet wurde. Dabei wollte der junge Mann lediglich die DDR mit ihrer Unfreiheit und Enge hinter sich lassen und in die Bundesrepublik gelangen, wo seine Großeltern wohnten. Er beantragte eine Besuchsreise in den Westen. Diese wurde ihm verwehrt, weil er seinen Wehrdienst bei der NVA noch nicht abgeleistet hatte. Da versuchte Mike Mutterlose im Sommer 1988 eine Flucht über die damalige Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich bei Bratislava. Doch er und zwei Freunde scheiterten im letzten Moment an einem mit 50.000 Volt gesicherten Grenzzaun. Er wurde inhaftiert, an die DDR überstellt und dort in einem Schauprozess zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, von denen er elf Monate in diversen Stasi-Gefängnissen absitzen musste, bevor ihn die Bundesrepublik Deutschland 1989 wenige Monate vor dem Mauerfall freikaufte. Kurze Zeit darauf erfolgte seine vollständige strafrechtliche und berufliche Rehabilitierung. Mike Mutterlose ist seit seinem Freikauf Mitglied in Häftlingsverbänden, Mitbegründer der "Initiative für Gerechtigkeit von SED Opfern" und Mitglied in der Vereinigung der Opfer des Stalinismus e.V.

Die rundum gelungene Veranstaltung traf auf eine sehr positive Resonanz bei allen Beteiligten, insbesondere auch den Schülerinnen und Schülern im Auditorium sowie auch dem Lehrerkollegium und der Schulleitung der Hochtaunusschule. Da verwundert es nicht, dass eine Fortsetzung im nächsten Jahr bereits beschlossene Sache ist und vereinbart wurde. Die Hochtaunusschule dankt dem Zeitzeugen Herrn Mutterlose sowie auch dem Organisator des Zeitzeugengespräches, der Deutschen Gesellschaft e.V. vertreten durch Herrn Regente sehr herzlich für ihr beispielhaftes Engagement. Beide haben einen Vormittag organisiert und realisiert, der den Jugendlichen noch lange in Erinnerung bleiben wird und manche auch zu vielfältigen Diskussionen und Reflexionen angeregt hat. Und auch nächstes Jahr wird wieder ein neuer Abiturjahrgang sich auf ein Zeitzeugengespräch freuen dürfen, das Zeitgeschichte aus erster Hand erfahrbar macht.

Eine Kurzbiografie von Herrn Mutterlose findet sich unter:

https://www.zeitzeugenbuero.de/index.php?id=detail&tx_zrwzeitzeugen_zeitzeugen%5Buid%5D=380&tx_zrwzeitzeugen_zeitzeugen%5Bcontroller%5D=Zeitzeugen