Als sich am Anfang der Projektwoche 16 Jugendliche im Raum 1202 frohgemut zusammen fanden, mussten erstmal die Erwartungen gedämpft werden, dass nun Rezepte zum „schnellen Geld verdienen“ verteilt würden. Insbesondere wurde gleich am Anfang auf die in Deutschland aktionärsunfreundliche Besteuerung eingegangen, die einem Anleger zum aktuellen Zeitpunkt lediglich einen Freibetrag von Kapitaleinkünften in Höhe von 801 EUR gestattet und anschließend alle Spekulationsgewinne auf Aktien mit einem Steuersatz von 25% plus Soli plus Kirchensteuer abschöpft. Bei Optionsscheinen als Finanzinnovationen ist der Steuersatz in der Regel noch höher. Mit dem Hinweis auf das Steuerparadies Schweiz, in dem der Staat den dort domizilierten Anlegern die Gewinne steuerfrei belässt (aber im Gegenzug auch keine steuerliche Abzugsfähigkeit von Verlusten gestattet) und sich das Spekulieren dort auch lohnt im Vergleich zu unserem Heimatland, gingen wir dann sogleich frohgemut ans Werk. Der Erwartungshorizont zum Investieren (im Gegensatz zum Spekulieren) sollte also für den Deutschen Anleger nicht zu kurzfristig sein und die steuerlichen Gegebenheiten einbeziehen. Eine klare Absage ans Zocken!

Um einen für alle verständlichen Einstieg zu finden, mussten erst einmal die Grundbegriffe eingeführt und erklärt werden. Die Fragen „Was ist eigentlich eine Aktie?“,  „Wie funktioniert die Börse?“, „Was ist ein Optionsschein mit Hebelwirkung?“ dienten hierbei zum Einstieg. Dass eine Aktie eine (stimmberechtige) Unternehmensbeteiligung ist, wurde dabei allen Teilnehmern schnell klar, ebenso die Tatsache, dass Angebot und Nachfrage von Kaufenden und Verkaufenden (gender!) wesentlich zur Preisbildung beiträgt. Damit rückte das Problem der Bewertung von Unternehmen zunehmend in den Mittelpunkt. Es gelang dem Referenten, das Interesse der Jugendlichen für die von vielen Zeitgenossen fälschlicherweise als langweilig eingestuften Themen wie Firmenfinanzierung und Grundlagen des Rechnungswesens zu wecken. Es folgte dann eine Analyse von Unternehmensbilanzen anhand der Geschäftsberichte und den daraus sich ergebenden Vergleichskennzahlen. Die Teilnehmenden suchten sich dann ein Unternehmen ihrer Wahl aus und führten eine rudimentäre Bilanzanalyse eigenständig durch. Es wurden dabei „value“-Strategien (Unternehmen verdienen viel Geld und schütten gute Dividende an die Aktionäre aus, z.B. Nestle) und „growth“-Strategien (Unternehmen wachsen rasant und gewinnen Marktanteile, verdienen aber möglicherweise noch kein Geld, z.B. Amazon) unterschieden. Nach diesen Methoden der Fundamentalanalyse darf natürlich auch ein bisschen Chart-Technik nicht fehlen. Es wurden auf die 200-Tage Linie (gleitende Durchschnitte der Schlusskurse der vergangenen 200 Börsentage einer Aktie) und auf „Gold Kreuz“ als Kaufindikator und „Todeskreuz“ als Verkaufsindikator eingegangen. Zum Abschluss wurde eine Investment-Komitee Sitzung einer Fondsmanagement-Gesellschaft simuliert: alle Teilnehmenden sollten einen Anlagevorschlag entwickeln und ihren „Kaufempfehlung“ vor dem Komitee anhand von Fakten und Sentiment vorstellen. Daraus ergab sich dann ein Portfolio aus 16 Werten, welches am Börsenspiel der FAZ am 21. Juni 2018 aufgesetzt wurde. Und hier sollte die Story besser enden…

Der Fairness wegen sollte man erwähnen, dass dieses Portfolio zum Stand 17. März 2019 eine Wertentwicklung von -13,2% aufweist. Der DAX hat im gleichen Zeitraum -6,9% Wertentwicklung und der breitere EURO STOXX 50 sogar +2,7% hinter sich. Ob diese Wertentwicklung als weiteres Beispiel für das Nichtvorhandensein von Schwarm-Intelligenz zu beurteilen ist sei dahingestellt, denn der betrachtete Zeitraum ist wahrscheinlich zu kurz gewählt. Jedenfalls wäre eine Anlage in Aktien-ETFs (Börsengehandelte Wertpapiere auf einen Aktienmarktindex) sicherlich im betrachteten Zeitraum befriedigender gewesen. Aber wie sagt die alte Börsenweisheit: „Hinterher ist man immer schlauer…“ und mit Carl Valentins klassischem Ausspruch „Prognosen sind halt schwierig – besonders wenn sie die Zukunft betreffen…“ beenden wir unseren Bericht.