Der „Holocaust“ – der millionenfache, geplante Massenmord an den europäischen Juden durch die NS-Gewaltherrschaft (1933-1945) unter Adolf Hitler – ist zweifellos das dunkelste und blutigste Kapitel der deutschen Geschichte. Und es ist gerade einmal gut siebzig Jahre her, dass dies alles passiert ist. Sich daran aktiv zu erinnern, ist bleibende Verpflichtung gerade auch der nachwachsenden Generationen – damit die Opfer nicht vergessen werden und sich so etwas nie wieder wiederholen kann! Daher geht die Erinnerung an den Holocaust auch und gerade die Schule etwas an. Ziel entsprechender geschichtspädagogischer Bemühungen muss es sein, eine „lebendige“ Begegnung mit den Ereignissen der Geschichte von 1933-1945 in Deutschland zu ermöglichen. Hierzu dient ein ausgesprochen beispielhaftes, äußerst bemerkenswertes Projekt, das von den beiden engagierten Lehrern an der Hochtaunusschule in Oberursel, Marc Fachinger und Alexander Diehl im Rahmen der Projektwoche im Juli 2016 realisiert wurde. Die beiden waren ein kongeniales Team, da Alexander Diehl das Fach Geschichte unterrichtet und Marc Fachinger, der mittlerweile die HTS verlassen hat und als Berufsschulreferent im Bistum Limburg arbeitet, Religionslehrer ist. Das Teamteaching und die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern während der drei Tage in der Projektwoche haben beiden sehr viel Spaß gemacht. Das Foto zeigt die Gruppe während des Besuches der Zeitzeugin Frau Lilo Günzler aus Frankfurt.

 

Gruppenfoto der an diesem Projekt beteiligten Schülerinnen und Schüler der Hochtaunusschule Oberursel mit der Zeitzeugin Lilo Günzler

 

Ziel des Projektes war es, eine „lebendige“ Begegnung mit der Geschichte von 1933-1945 in Deutschland zu ermöglichen – und zwar gerade auch unter besonderer Berücksichtigung lokaler Bezüge im Raum Frankfurt. Dabei ging es zunächst darum, verschiedene mediale Zugangsweisen zum Thema kennenzulernen (Zeitzeugenbiografien, Film-Dokumentationen, etc.). Im Rahmen einer Exkursion erfolgte der Besuch der Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle in Frankfurt sowie ein vertiefender Workshop des Pädagogischen Zentrums des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums. Abschließend fand die für alle Beteiligten sehr bewegende Begegnung mit der Zeitzeugin Lilo Günzler statt.

           

Unsere Zeitzeugin Frau Lilo Günzler und Religionslehrer Marc Fachinger – einer der beiden Projektleiter und der Initiator dieses Erinnerungsformates an unserer Schule

Das Projekt fand lernortübergreifend sowohl an der Hochtaunusschule statt als auch als Exkursion zur Gedenkstätte EZB-Gebäude (Erinnerung an den Transport der Frankfurter Juden von dort in die Konzentrationslager) und im Jüdischen Museum/ Gedenkstätte EZB-Gebäude.

 

Ablauf

Tag 1: Vorbereitung in der Schule

  • Vorstellrunde und Klärung der Motivation; Analyse von Zitaten und Texten zum Thema „Sinn von Erinnerung“
  • Sinn von Erinnerung und Zeitzeugen, warum ist Erinnerung wichtig? Funktion von Geschichte
  • „Zeitzeugen im Film“
  • Biografische Arbeit an Zeitzeugenberichten
  • Film „Werner Bab“ in Auschwitz
  • Eindrücke und Diskussion
  • Gegenüberstellung Buch und Film
  • Abschluss

Tag 2: Exkursion zur ehemaligen Großmarkthalle Frankfurt am Main

Die Führung durch die Erinnerungsstätte wurde in einen Workshop zum Thema Täterinnen und Täter integriert. Dabei war das zentrale Thema das Nachdenken über deren Handlungsspielräume und Handlungsmotive anhand von Berichten über den Einsatz im Keller der Großmarkthalle während der Deportationen. Der Workshop und die Führung wurden von Mitarbeiterinnen des Pädagogischen Zentrums des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums durchgeführt. Siehe auch: http://www.fritz-bauer-institut.de/pz-ffm.html. Ablauf:

  • Einstieg in einem in der Nähe der Erinnerungsstätte angemieteten Seminarraum
  • Rundgang durch die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle
  • Vertiefungsworkshop im Seminarraum

Tag 3 Zeitzeugeninterview in der Schule: Am letzten Tag war die Zeitzeugin Lilo Günzler zu Gast an der Hochtaunusschule und erzählte ihre Lebensgeschichte in Frankfurt während des Nationalsozialismus. Frau Günzler: geb. Wessler, kam am 11. Januar 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, als Kind einer jüdischen Mutter und eines sogenannten „arischen“ Vaters in Frankfurt/Main zur Welt. Später wurden sie, ihr Bruder und ihre Mutter katholisch getauft, um dem drohenden Antisemitismus zu entkommen. Die ersten fünf Jahre ihres Lebens hat sie in guter Erinnerung.

 

Doch der kurzen Zeit der Sorglosigkeit setzte ein furchtbares Ereignis ein jähes Ende. Ein Feuerinferno, entfacht durch die Nationalsozialisten, wütete am Tag nach der Reichspogromnacht am 9. Nov. 1938 durch Frankfurt und zerstörte Synagogen, jüdische Geschäfte und Häuser. Frau Günzler beschrieb die fassungslosen Juden, die brennenden, einstürzenden Fassaden der Gotteshäuser, die randalierenden, sich mit den Schandtaten brüstenden Faschisten, die schweigende Masse und die Tränen ihrer Mutter. „An diesem Tag endete meine Kindheit“, fügte sie leise hinzu, während sie sich verstohlen über die Augen wischte. Danach folgte ein entsetzliches Geschehnis dem anderen.

1938 wurde ihr Halbbruder, der im Gegensatz zu ihr in der damaligen NS-Sprache ein so genannter „Volljude“ war, zunächst in eine jüdische Sonderklasse eingeschult und später in einem jüdischen Kinderheim interniert. 1939 fand ihre eigene Einschulung statt, als „Geltungsjude oder Mischling ersten Grades“ – die entwürdigende Bezeichnung für Halbjuden. 1943 musste die Familie in ein sog. „Judenhaus“ in Frankfurts Innenstadt umziehen, da eine Nachbarin nicht mehr „mit einer Jüdin unter einem Dach wohnen wollte.“

 

Das „Rothschild-Haus“ in Frankfurt/Main

 

Die Angst war nun ihr ständiger Begleiter, auch in der Schule. Dort durfte sie „um keinen Preis auffallen.“ „Verhalte dich still und mach alles, was man dir sagt“, trichterte ihr die Mutter mit Nachdruck am Tag ihrer Einschulung ein. Ebenso ruhig wie emotional fuhr Lilo Günzler fort mit der Schilderung der Deportation ihrer Mutter und ihres Bruders 1945.

Auch ihr Vater musste sie verlassen, da er zum so genannten „Volksturm“ eingezogen wurde, d.h. dem wahnwitzigen Versuch des verbrecherischen NS-Regimes, noch kurz vor Kriegsende durch „Mobilisierung“ aller männlichen Deutschen über 14 Jahren, die noch nicht bzw. nicht mehr zur Wehrmacht eingezogen werden konnten, d.h. von Jugendlichen und alten Männern, doch noch den „Endsieg“ herbei zu zwingen. So musste die damals Zwölfjährige mehrere Tage allein in einem Kellerraum fast ohne jegliche Nahrung verbringen. Schließlich kehrten im Juni 1945 auch ihre Mutter und ihr Bruder unverletzt aus Theresienstadt zurück. Die ganze Familie überlebte, wie durch ein Wunder.

Eine Lebensgeschichte, die es in sich hat – und keinen der Zuhörenden unbeeindruckt lassen konnte! Frau Günzler  nahm sich – obwohl bereits eine hochbetagte Dame – viel Zeit, um über ihre Erfahrungen zu berichten und mit den Jugendlichen zu diskutieren. Die Begegnung mit ihr wurde für die Schülerinnen und Schüler zu einer bleibenden, unauslöschlichen Erinnerung!

 

 Lilo Günzler mit Bruder Helmut

 

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